Kurz nach Zwölf

Wir treffen uns mit Anna-Sofie Gerth, Diakonin, Sozialarbeiterin und gute Seele sowie mit Dieter Puhl, mit Haut und Haar Leiter und Diakon der Bahnhofsmission. Täglich versorgt ein Team aus Angestellten sowie ehrenamtlichen Mitarbeitern 700 Obdachlose mit Essen, Hygienemöglichkeiten und vor allem mit Menschlichkeit! Im Rahmen des Projektes „KURZVOR12“ möchten wir darüber sprechen, wo es hier brennt und wie man aktiv helfen kann – und sei es einfach mal mit Vorurteilen aufzuräumen!

Na, wer von euch hat es auch schon einmal gesagt? Heute muss doch niemand mehr in Deutschland auf der Straße leben! Oder – die sind doch selbst schuld!

Dieter Puhl ergreift zuerst das Wort „Die Bahnhofsmission ist ein Ort der Zwischentöne, Töne, die uns nicht bekannt sind. Lange habe ich durch meine langjährige Soziale Arbeit gedacht, ich würde alles kennen. Doch an dem ist nicht, im Laufe der letzten Jahre habe ich so vieles an Ohnmacht, Leid, Verzweiflung, Desaster, Traurigkeit, unendlich verzwickte Verwicklungen und ständig viele Fragezeichen erlebt. Am liebsten würde ich an unsere Mission ein riesengroßes Fragezeichen in grellem Neonlicht anbringen wollen!“

Er könnte wohl nicht nur ein Buch mit Schicksalen, die täglich in der Mission zu finden sind, füllen, sondern ganze Bände. Wer sein facebook-Profil verfolgt, erkennt recht schnell, wieviel Herzblut, Seele aber auch Verzweiflung und auch schöne Momente in dieser Arbeit stecken.

Wer ihn persönlich trifft, bekommt eine Bestätigung für genau diese Außenwirkung. Er ist authentisch. Manch einer hätte hier wahrscheinlich längst aufgegeben, doch er arbeitet seit 8 Jahren in der Bahnhofsmission und seit 25 Jahren in der Obdachlosenhilfe unerschütterlich und scheut sich nicht, das was auf dem Tisch liegt, anzusprechen! „Du brauchst hier Kraft, Helfer, Freunde, Kollegen und Jesus. Ohne diese vielen Menschen und Helfer würde ich das hier schwer aushalten. – trotz Jesus“ Dieter Puhl

Die Armut hält täglich in der Bahnhofsmission am Zoo Einzug. Natürlich ist kein Geld da, wie man es ja von vielen Dingen, die die Stadt benötigt, hört. Ein Vergleich mit dem Flughafen BER, den Dieter gerade in den Raum wirft, müsste jedem Politiker die Schamesröte ins Gesicht steigen lassen, so wirft Dieter ein „ Der Flughafen BER kostet uns monatlich um die 38 Mio. Euro. Ich habe noch nie gehört, dass da kein Geld mehr für da ist, um das am Laufen zu halten. Wir bräuchten nur einmal das Budget aus zwei Wochen und könnten hier so viel mit bewirken und eindämmen.“

Wollen wir doch einmal bei den Zahlen bleiben, die an sich jeden erschrecken und aus der Lethargie der Ignoranz wach werden lassen müsste, oder?

Auch die Anzahl der Notunterkünfte hat sich lt. Aussage von Dieter proportional zur wachsenden Anzahl der Obdachlosen nicht wesentlich verbessert. Ganzjährige Notunterkünfte gibt es 150. Notunterkünfte in der Kältehilfesaison (Nov-Mrz) im Jahre 2010 gab es ca. 600 für 1500 Menschen. Wir haben heute 940 Plätze für Notunterkünfte in der Kältehilfesaison– aber die Anzahl der Obdachlosen hat sich mehr als versechsfacht in dieser Zeit, erzählt Dieter.

Ganzjährige Notübernachtungsplätze gibt es 150. Das klingt ganz schön erschreckend und ein Rückgang ist lt. Bahnhofsmission nicht zu verzeichnen. So erfahren wir auf diesem Wege von Dieter immer mehr und er haut mir die Zahlen um die Ohren, dass mir schwindelig wird: Im Jahr 2010 hat der Berliner Senat für die Obdachlosenhilfe 4,2 Millionen Euro ausgegeben. Zu dem Zeitpunkt gab es 1500-2000 Obdachlose Menschen. Im Jahr 2016 gab der Berliner Senat 5,8 Millionen Euro aus. Schätzungsweise gibt es nun 8000 obdachlose Menschen. Wenn man die Zahlen analog rechnet, also 4,2 Millionen im Verhältnis zu 2000 obdachlosen Menschen, dann müssten es jetzt 16,8 Millionen sein, die der Senat ausgeben sollte. Tatsächlich sind es aber nur 5,8 Millionen, die der Senat für obdachlose Menschen für das Hilfesystem ausgibt.

Was braucht ihr konkret, wollen wir wissen? Dieter entgegnet spontan und ohne auch nur einen Moment zu zögern „Wir brauchen als erstes Freunde. 2010 waren ungefähr 10 % der Bevölkerung auf unserer Seite und interessiert. 2017 sind es gefühlt 15% – aber 85 % unserer Bürger sind immer noch gegen solche Einrichtungen. Viele ignorieren das Thema, oder kommen mit Phrasen, wie „der hat doch selber schuld“ oder „ in Deutschland muss doch heute niemand mehr auf der Straße leben.“

Unermüdlich erzählt Dieter weiter: „Doch die Realität sieht anders aus. 60 Prozent der obdachlosen Menschen sind psychisch krank. Nicht jeder hat das Glück in einer guten Familie aufzuwachsen. Es gibt so unendlich viele sehr traurige Schicksale und Menschen, die dringend Hilfe bräuchten. Die meisten davon sind leider alkoholkrank. Das ist ein großes Problem und Alkoholismus eine echte Krankheit aus der du schwer herauskommst und eine Unterstützung benötigst. Es fehlt den meisten Menschen an einer langfristigen Betreuungs- und Lebensform. Oder einfach nur eine Perspektive. Auch eine Art zu Hause würde weiterhelfen. Aufgaben, einfache Tätigkeiten, doch heute werden diese gar nicht mehr angeboten. Wie sollen sie da wieder Platz in der Gesellschaft finden? Bitte vergiß nicht, keiner ist im Tiergarten geboren, alle hatten mal ein zu Hause, doch viele kein gutes!“

„Auch sehe ich hier durchaus Menschen, die noch was leisten wollen und sich einbringen könnten. Doch wir leben in einer Gesellschaft in der alles schneller, höher und weiter muss. Selbst viele nicht Obdachlose kommen da nicht mehr mit. Das Zahlenverhältnis verändert sich aber unglaublich drastisch. Es ist unabdinglich, dass die Bevölkerung wohlwollender und breiter verankert ist in der aktuellen und akuten Situation der fortwachsenden Obdachlosigkeit.“

„Kaum jemand kann sich vorstellen, was hinter der Versorgung der Obdachlosen für eine Logistik steckt.“ Anna-Sofie erzählt, dass sie gerade erst 500 Unterhosen von einem Fabrikanten besorgen konnte. Ein Tropfen auf dem heißen Stein, denn diese Menge reicht gerade für einen Tag aus! „Viele sind schon glücklich, wenn wir ihnen in unserem „Wellnessbereich“ die Haare waschen oder schneiden. Für die meisten ist es eine Wohltat einfach mal berührt zu werden. Es sind die kleinen Dinge, mit denen wir hier helfen können und diese Menschen wenigstens für einen kleinen Moment glücklich machen. Wir kennen das alle, wenn wir aus der frischen Dusche oder vom Frisör kommen, dann geht es uns gut. So geht es auch unseren Gästen.“

Eine der größten Probleme ist das Besorgen von Schlafsäcken, erwähnt Dieter. „Wir versuchen zum Beispiel seit 8 Jahren Schlafsäcke für den Sommer sowie für den Winter zu besorgen. Viele denken, na, jetzt habt ihr doch etliche einsammeln können, doch kaum einer versteht, dass wir täglich 20-30 Schlafsäcke benötigen.

Es gibt aber auch die vielen kleinen schönen Geschichten, die beide erzählen können. Eine 22-jährige Studentin hatte spontan auf ihrem Geburtstag für die Bahnhofsmission Geld eingesammelt und hat das Geld noch am gleichen Abend, 32,40 € mitgebracht. Kinder, die ihr Taschengeld spenden, neben vielen Menschen, die immer wieder den Weg in die Bahnhofsmission finden um zu helfen, Sach- oder Geldspenden abgeben.
„Gar nicht oft genug, kann ich erwähnen, wie dankbar ich allen Mitarbeiten und Helfern rund um die Bahnhofsmission bin. Alle sind stets bemüht, eine ganzheitliche Lösung für die vielen Bedürftigen Menschen vor Ort zu ermöglichen. Es geht halt eben nicht nur um Haare schneiden, sich waschen, essen sondern wir müssen auch an die Seele denken.

Anna-Sofie, du hast bestimmt noch 40 Jahre Arbeit vor dir, was würdest Du Dir für Deine Arbeit in der Bahnhofsmission wünschen, fragt Dieter spontan Anna-Sofie. „Das ist gar nicht so einfach zu beantworten, in erster Linie wünsche ich mir, dass zukünftig mehr individuelle Lebensstile zugelassen und auch akzeptiert werden. Die Entwicklung therapeutischer neuer Konzepte könnten hilfreich sein, die aktuelle Situation und die in der Zukunft, die uns offensichtlich erwartet, bewusst anzugehen. Vielleicht auch mehr partizipative Wohnungsformen entwickeln.“

Sprecht ihr denn auch regelmäßig mit den Menschen, die hier vor Ort sind und was wünschen sich die meisten, interessiert mich. Anna wirft als erstes ein: „Ja, natürlich machen wir das. Doch das ist größtenteils nicht sehr einfach. Fast 65% der Obdachlosen stammen aus den verschiedensten Ländern und sprechen nicht unsere Sprache.“ Dieter ergänzt, „die meisten sind restlos verpeilt. Du darfst nicht vergessen, dass fast alle so viele psychische Probleme haben, die wir hier vor Ort nicht lösen können.“

Was wünschst Du Dir, frage ich in Richtung Dieter. „Also ich wünsche mir, dass wir weniger beerdigen müssten und mehr Menschen eine gute Lebensperspektive ermöglichen könnten.“

Wie geht es bei Euch zukünftig weiter? „Wir planen gerade ein Projekt für demenzerkrankte, bzw. Obdachlose mit Alzheimer. Auch das nimmt immer mehr zu. Viele vergessen einfach wo ihr zu Hause war. Wenn sie Glück haben, existiert eine Familie, die sich kümmert. Doch Berlin „singelt“ bekanntlich ja rum. Wir haben Zulauf von immer mehr alten verwirrten Menschen, die alleine sind!“

Das macht mich für einen Moment echt nachdenklich, wenn ich bedenke wie viele Singles um mich herum sind….und brauche jetzt unbedingt eine positive Wendung des Gesprächs..!

Gibt es auch Positives zu berichten, bzw. Entwicklungen der letzten Jahre? „Ja, total, gibt es. Wir haben hier auch täglich schöne, kleine liebevolle Geschichten, Gesten und Momente, sonst könntest du diese Arbeit nicht aushalten. Dennoch, unser größter Dank geht an die Mitarbeiter der Deutschen Bahn deren Gebäude wir hier ja auch nutzen können. Es war die unkomplizierteste Planung, die man sich nur vorstellen kann. Die Planung für unser Hygieneprojekt dauerte nur einige Minuten, das Seelsorgezentrum 2 Minuten, unser Ausstellungsprojekt für Bücher, 2 Minuten. Okay, die Planung der Einzelfallhelfer 3-4 Minuten und lächelt leicht verschmitzt. Ganz ehrlich, mithilfe der Deutschen Bahn konnten wir sehr viel relativ schnell umsetzen.“

„Auch besuchen uns immer wieder spannende Menschen, Unternehmer sowie Politiker, wie z.B. Frank-Walter Steinmeier, der schon öfters bei uns war. Er hatte mal einen Friedenspreis erhalten. Dieser war mit 50.000 Euro dotiert. Er kam zu uns, überbrachte uns das Geld und legte noch einiges aus privater Tasche obendrauf. Das sind die schönen Geschichten. Ganz bewegend war auch eine Schülerin, die uns ihr Taschengeld in Höhe von 5,00 € brachte. Wir bedankten uns und erzählten ihr, dass wir damit 90 Menschen versorgen. Du spinnst, sagte sie spontan! Nein, es ist wahr! Die Tafel bringt uns regelmäßig Essen. Wir kaufen Lebensmittel dazu. Pro 10 Euro kommen wir auf 180 Menschen. Du siehst Anita, auch mit kleinen Beträgen kann man hier eine ganze Menge bewirken!“

Ich bin berührt und gleichzeitig überfällt mich eine Art Scham, wie selbstverständlich gehen wir doch mit den alltäglichen Dingen des Lebens um. Für die meisten von uns gehört Essen, Trinken, Schlafen sich kleiden zu den Essentials des Lebens, um die wir uns gar keinen Kopf machen. Hier in der Bahnhofsmission ist jeder Tag für diese Menschen Balm auf der Seele und alles was sie bekommen, ganz und gar nicht selbstverständlich.

Wer einen Moment Zeit hat, inne halten möchte und etwas Sinnvolles machen möchte, fährt einfach mal zur Bahnhofsmission am Zoo und bringt etwas Geld, helfende Hände oder einfach nur ein Stück Wärme und sei es in Form eines Schlafsackes vorbei.

Es ist hier kurz nach zwölf und wir wissen nicht, ob wir nicht eines Tages auch auf diese Hilfe angewiesen sein werden!
Mehr Info unter www.berliner-stadtmission.de/bahnhofsmission

Autor: Anita Tusch

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